Statt die Mehrwertsteuer auf Sprit zu senken, sollte die Bundesregierung lieber ein 9-Euro-Ticket einführen und den ÖPNV ausbauen.

Ich kann diesen Quatsch nicht mehr hören. Völlig egal, wie man den Hund in der Pfanne wendet, ÖPNV kann Individualverkehrsmittel absolut niemals ersetzen, sondern nur in einzelnen hochbelasteten Standardstrecken ergänzen.

Kombinatorik

Das Problem am Verkehr ist Kombinatorik - die Zahl der möglichen Start- und Zielorte ist schon extrem groß, die möglichen Kombinationen fast endlos. Das Straßen- und Wegenetz löst dieses Problem durch extrem enge Vermaschung. Straßenkreuzungen gibt es innerorts alle paar Dutzend Meter. Das ist kein Problem, wer eine Kreuzung "nicht braucht", fährt mit dem Individualverkehrsmittel ohne Unterbrechung weiter. Straßen müssen nicht aufeinander warten. Wenn sie nicht stark belastet werden, kosten sie auch nicht viel Unterhalt. Das Teure am Straßennetz sind die einmaligen Baukosten.

Öffentliche Verkehrsmittel

Bei öffentlichen Verkehrsmitteln jeder Art ist das anders. Unabhängig von der tatsächlichen Nutzung kostet allein die Bereitstellung jenseits der Kapitalkosten für den Kauf der Verkehrsmittel jede einzelne Fahrt aktiv Geld für Personal, Energie etc. Jeder Knotenpunkt im Netz macht es durch Haltezeiten für Nutzer, die ausgerechnet diesen Knotenpunkt nicht brauchen, langsamer - und jeder Einzelne braucht nur einen Bruchteil der Knoten, aber eben jeder eine andere Auswahl. Im Gegensatz zu einer einfachen Abbiegung sind Umstiege lästig und verursachen Wartezeiten.

Einfach "den ÖPNV ausbauen" ist anders als ein Ausbau eines Straßennetzes, also zum einen mit hohen täglich wiederkehrenden Kosten verbunden und macht zusätzlich den Dienst für bestehende Nutzer sogar oft schlechter.

Zwei reale Praxisbeispiele

Ich nehme mal zwei reale Praxisbeispiele von meinem Wohnort ausgehend - die sind nicht erfunden oder konstruiert. Ich wohne am Stadtrand von Braunschweig. Statistisch gehöre ich damit zu den 32 % der Einwohner, die in einer Großstadt wohnen. Das heißt, die absolute Mehrheit der Menschen wohnt ländlicher.

Bevölkerungsanteile nach BBSR-Stadt- und Gemeindetyp, Datenstand 2019

Die nächste Bushaltestelle liegt einen wortwörtlichen Steinwurf von meinem Haus entfernt. Busse fahren dort werktags (über Feiertage reden wir lieber nicht) zwei verschiedene Linien mit je einem 30-min-Takt, also 4 Abfahrten pro Stunde insgesamt. (Die Busse sind, nebenbei bemerkt, jetzt schon dramatisch unterutilisiert; die meisten Busse vor der Tür beobachte ich mit 0-10 Fahrgästen. Gleichzeitig sind die Fahrzeuge für spätere Abschnitte in der Innenstadt auf den Linien dann wieder knapp bemessen - das zu lösen, ist eine Quadratur des Kreises.)

Meine Situation dürfte damit alles andere als ein cherry picked worst-case sein.

Beide Beispiele laut Google Maps ohne Stau oder Verspätungen bei ÖPNV - das einberechnet, kippt es eher weiter Richtung Individualverkehr.

Kundenbüro

Zum Büro eines Kunden, wo ich aktuell regelmäßig hin muss.

PKW: 45 min, ÖPNV: > 2,5 h.

Fahrzeiten zum Kundenbüro: 45 Minuten mit dem Auto, 2 Stunden 31 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, 13 Stunden zu Fuß und 3 Stunden 19 Minuten mit dem Fahrrad

Der Grund ist ganz einfach die oben erläuterte Kombinatorik: Mein Wohnviertel ist Stadtrandlage, außer denen, die hier wohnen, will hier niemand hin oder von hier weg. Es wird also NIEMALS Sinn ergeben, hier einen ÖPNV-"Knoten" einzurichten, sondern es ist als "Satellit" an das ÖPNV-Netz der Stadt Braunschweig angeschlossen. Das Kundenbüro ist die spiegelbildliche Lage in Hannover: großer Komplex "auf der Wiese" am Stadtrand. Hier will nur hin, wer in einem der Büros dort arbeiten muss. Anbindung per U-Bahn Richtung Hannover-Innenstadt. Wer also in Hannover Stadt wohnt und dort arbeitet, ist vermutlich mit der U-Bahn gut bedient. Die gibt es aber und dafür brauchen wir auch keinen Ausbau. Wer am Stadtrand einer Nachbarstadt wohnt, ist mit ÖPNV verloren und es ist auch nicht fixbar. Weder ergibt es Sinn, Start oder Ziel zu einem eng vermaschten Knotenpunkt auszubauen, noch ist irgendeine konkrete Kombination aus zwei Stadträndern stark frequentiert genug für eine Direktverbindung.

Tierärztin

Zur Tierärztin.

8 min mit dem Auto, 50 min mit ÖPNV - da kann ich mit 1 h 5 min fast laufen.

Fahrzeiten zur Tierärztin: 8 Minuten mit dem Auto, 50 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, 1 Stunde 5 Minuten zu Fuß und 17 Minuten mit dem Fahrrad

Der Grund ist hier einfach das Unterschreiten jeder vernünftigen Utilisierung. Die Tierarztpraxis liegt ausgehend vom Stadtzentrum Braunschweig in einer ähnlichen, aber nicht gleichen Richtung, so dass man mit dem ÖPNV erst reinfahren muss, bis die Linien sich treffen, und dann wieder rausfahren muss. Stadtnah kann man das Problem mit "Ringbussen" lösen, aber irgendwo muss man mit den Ringen aufhören nach außen gehend. Die Praxis liegt zwar im Einzugsbereich von Braunschweig, aber nicht mehr im Stadtgebiet. Ein Ringbus so weit draußen würde weder ökonomisch noch ökologisch irgendeinen Sinn ergeben. Auch dieses Problem ist letztlich nicht lösbar.

Ich könnte diese Liste um Dutzende Fails erweitern allein mit realen Use-Cases, die ich habe, ohne auf konstruierte Fälle ausweichen zu müssen. Und der ganz wichtige Punkt ist: Meine Situation ist nicht besonders vertrackt. Ich gehöre, wenn man die Statistik aufmacht, zu dem Großstadtdrittel. Der Cherry-Pick sind die Grünen-Träumtänzer, die im dichten urbanen Raum wohnen und bei der Behörde in Stadtlage arbeiten und fragen, warum nicht jeder mit Öffis pendelt. Das spiegelt gerade in Deutschland nicht die Normalsituation wider.